REVERIE
Reise ins Symbiozän
– Kapitel I –
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Solastalgia

In den letzten Jahren ist die Nacht für Jona zu einem sicheren Hafen der Ruhe geworden. Geradezu ein Zufluchtsort vor der wachsenden Solastalgie, den sich duellierenden Kriegsmeldungen und den Berichten über den Klimanotstand, die ihn dazu bringen, sich zu fragen, wie es zu all dem kommen konnte. „Ist es nicht das Ziel intelligenten Lebens, Strategien zu entwickeln, um das eigene Überleben zu sichern? Zumindest hat Darwin dies mal so ähnlich formuliert.“ grummelte Jona in den leeren Raum während er langsam in seinem angegrautem Pyjama auf der Bettkante zusammensackte. „Wenn er miterlebt hätte, was wir als Menschheit gerade veranstalten, hätte er seine Definition wohl noch einmal überdacht.“ beendete er seinen inneren Monolog und warf noch einen letzten Blick durch das Fenster zur gelb-grün strahlenden Leuchtreklame auf dem gegenüberliegenden Flachdach. Das darauf abgebildete Logo einer Brauerei erhellte sein Schlafzimmer ausreichend stark, dass er auf eine Nachtlampe verzichten konnte. Es war allerdings auch der Grund, weshalb er sich die zentralgelegene 1-Zimmer-Wohnung mit seinem Bioingenieurs-Gehalt gerade so leisten konnte. Zwar zahlte seine Firma überdurchschnittlich gut, aber die Lebenskosten sind seit dem Krieg in Osteuropa unverhältnismässig in die Höhe geschossen. Jona ließ sich ins Bett fallen, schloss seine müden Augen und atmete ein letztes Mal tief aus.
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Sprung

Ein Schleier aus feuchtkaltem Nebel fährt sanft über Jonas Gesicht. Seine Augen öffnen sich langsam und versuchen, die tiefgraue Masse vor ihm scharf zustellen. In dem Moment, als er die dichte Wand aus Wolken vor sich erkennt, bleibt sein Herz stehen. Jona wird klar, dass er in dieser Sekunde an der Spitze einer ins Nichts führenden Brücke steht und das Gleichgewicht verliert. Aus Reflex reißt er seine Arme nach vorne, um die Balance wiederzufinden. Sie sind ungewöhnlich schwer und bewegen sich zudem ungewohnt langsam. Jede Mühe ist vergebens. Jona spürt wie sich sein linker Fuß noch an dem spröden Gestein festgreifen will, aber schließlich verliert er den Halt.
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Fall

Für den Bruchteil einer Sekunde bleibt die Zeit stehen. In Jona macht sich das wohlige Gefühl breit, schwerelos und aufgehoben zu sein. Wie ist das möglich? Er ist gerade dabei, sicher in den Tod zu stürzen und empfindet so etwas wie Vertrautheit? Vielmehr wird ihm klar, dass er dieses Gefühl schon sehr häufig erlebt hat. Und zwar ausschließlich in seinen Träumen, die er seit einigen Monaten hat. Immer wieder träumte er, eigenmächtig fliegen zu können bis zu dem Zeitpunkt, in dem er diese Kraft grundlos verliert und zu Boden stürzt. Im Gespräch mit einer Arbeitskollegin fand er heraus, dass der Grund für solche Träume häufig ein Mangel an sozialem Halt sei. Ob an dieser These etwas dran ist oder sie nur ihr küchenpsychologisches Wissen preisgeben wollte, hat Jona nicht weiter hinterfragt.
Allein, dass er sich allerdings in diesem Moment des Fallens Gedanken darüber machen kann, bestätigt, dass er sich nur in einem Traum befinden kann.
Aus seiner Erfahrung konnte er mit Sicherheit sagen, dass als Nächstes sein Herzschlag wieder einsetzen wird und ihn mit rasender Panik ans Sterben erinnern möchte. Und so fällt Jona mit einer Dampfwalze in der Brust ins Nichts.
Inmitten eines endlos scheinenden Falls durch die Wolkenwand beginnt Jona zu begreifen, dass irgendetwas an dieser Traumsequenz anders ist. Es liegt nicht an dem Abhandensein von Windgeräuschen und wild flatternden Stofffalten seines Pyjamas. Auch nicht daran, dass er seine Umgebung kaum erfassen kann. Es liegt viel mehr daran, dass der Fall ungewöhnlich lange anhält. Zeit ist generell in Träumen eine relative und meist schwerfassbare Komponente. Dass er sich dessen aber gerade bewusst wird, macht ihm Angst. Erneute Panik steigt in ihm auf, während er weiterhin unaufhaltsam in die Leere stürzt, ohne zu wissen, ob und wann er jemals wieder festen Boden unter den Füßen haben wird.
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Insel

Warme Lichtstrahlen dringen vereinzelt durch die Wolkendecke und kitzeln Jonas Gesicht, während er weiterhin mit einer schwer wahrnehmbaren Geschwindigkeit durch die feuchtkalten Schwaden fällt. Blinzelnd versucht er die Augen zu öffnen, doch das intensive, warme Sonnenlicht blendet ihn, zwingt ihn, die Augen wieder zu schließen.
Durch seine halbgeschlossenen Lider erkennt Jona verschwommen, dass die dichte Wolkendecke sich langsam auflöst.
Wie ein samtig-weicher Umhang umhüllt ihn das Sonnenlicht. Zum ersten Mal spürt er tief in sich eine seltsame Kraft, eine neue Kontrolle über seine bisher unkontrollierbaren Gliedmaßen. Durch diese Kraft gelingt es Jona, sich mit einem entschlossenen Ruck in der Luft zu wenden und sein Gesicht samt Körper in Fallrichtung zu drehen. Sein Herz gallopiert als er die Szene unter sich erblickt, die in rasendem Tempo auf ihn zukommt: eine kreisrunde Insel inmitten eines Flusses, grün bewachsen von Ufer zu Ufer, durchzogen von Mooren und in der Mitte gekrönt von einem einsamen, aber anziehenden Baum.
Mit jedem Meter, den er an Flughöhe verliert, werden die Details klarer. Doch noch bevor er die gesamte Situation vollständig erfassen kann, prallt er auf und verliert schlagartig das Bewusstsein.
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Des Himmels Willen

Ein Schleier der Stille zieht sich über die mit Seegras bedeckten Hügel der Flussinsel. Es scheint, als hätte sich dieser aus den hohen Bergen im Süden seinen Weg über das ruhige Gewässer hinweg gesucht, um den Neuankömmling mit einer lautlosen Umarmung zu begrüßen. Immernoch bewusstlos vom Aufprall, liegt Jona inmitten einer flachen nahezu ausgetrockneten Senke. Nur sein linker Ärmel ist beim Aufprall ausgerechnet in einer Pfütze gelandet und saugt allmählich das übrige Wasser aus ihr auf.
Doch irgendetwas scheint die Ruhe zu stören. Vereinzelt drängeln sich kurze zischende Silben zwischen das sanfte Rascheln des Grases, die sich immer mehr zu geflüsterten Worten formen und schließlich mit einem finalen „Pscht!“ verstummen.
Jona kommt langsam wieder zu sich und öffnet zögernd seine Augen. Obwohl die Stimmen in einigen Metern Entfernung vermutlich der Grund für sein Erwachen sind, nimmt er die Quelle nicht wahr und ist völlig damit beschäftigt, zu begreifen, was mit ihm geschehen ist und wo er sich überhaupt befindet.
Ungewöhnlicherweise ist der Geruch das erste, was er bewusst wahrnehmen kann. Normalerweise gehörten Gerüche zu der Art Sinneswahrnehmung, die nie Bestandteil seiner Traumerinnerungen waren. In diesem Moment hingegen kann er das, was sich den Weg in seine Nase gesucht hat, so differenziert beschreiben wie das Prinzip der Thermodynamik. Jonas Opa Günter hatte ihn schon seit Kindstagen dafür bewundert, mit welch Energie und gewandter Wortwahl er jenes Konzept zum Abendessen ausführlich erläutern konnte. Opa Günter wäre auch die Person gewesen, die den Geruch in Jonas Nase als den „Duft von Regen“ beschrieben hätte. „Aber wonach riecht den eigentlich Regen?“ entgegnete ihm Jona jedes Mal aufs Neue, um die immer wieder selbe Antwort zu erhalten „Na eben nach Regen!“
Was ihn damals unbefriedigt zurückließ, scheint ihm jetzt, gelähmt auf dem schlammtriefenden Boden einer umnachteten Insel liegend, völlig eindeutig. Ein wohl abgestimmtes Potpourri aus modriger Erde, frischen Pilzen und nassem Gras kombiniert mit fruchtigen Noten von vergorenem Fallobst und saftigen Mooskissen entfaltet sich in den Geruchsknospen seiner dreckverkrusteten Nase. Doch ein Nebendarsteller hat sich in das Ensemble geschlichen, um Unruhe zu stiften. Noch immer am Boden liegend, verziehen sich Jonas Gesichtszüge als er den stechenden Geruch von Rauch wahrnimmt. Nicht die Art von Rauch, die man gelegentlich im Vorbeigehen an einer Kneipe vernimmt, nein, dieser Rauch schreit förmlich nach Zerstörung von Wald und Feldern.
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Kann ich es wagen?

So schnell sich der Rauch seinen Weg in Jonas Kopf erkämpfte, so tückisch riss er sein Bewusstsein in eine ganz neue Szenerie. „Was zur Hölle? Lag ich nicht gerade noch bei Mondschein im Schlamm auf einer Insel?“ fragt sich Jona während er sich auf der Mitte einer steinernen Brücke hektisch in alle Richtungen umdreht, um Orientierung zu finden. Jene Brücke war nicht größer als ein gewöhnlicher Transporter eines Paketlieferdienstes und führte über einen gemütlich plätschernden Bach. Sowohl das Ufer hinter als auch vor ihm ist gesäumt vom gleichen hüfthohen Seegras, das er gerade noch auf der Insel mit verschwommenen Augen erkennen konnte. Und dabei bleibt seine Beobachtung auch fürs erste. Dichte Nebelschwaden gewähren ihm eine Sicht von gerade mal zwei weiteren Transporter-Längen und verwehren Jona jegliche Chance zur geografischen Einordnung. Eins ist aber klar: dem sanft leuchtenden Himmel nach zu urteilen, sollte die Nacht vorüber sein. Kaum ist diese Schlussfolgerung zuende gedacht, wird Jona von einem kalten Windstoß erfasst. Seine Arme klammern sich reflexartig an die jeweils gegenüberliegende Schulter, um sich zu wärmen. Einen Wimpernschlag darauf folgt ein weiterer, nun aber deutlich wärmerer Windstoß und lässt seine Arme wieder in die Ausgangsposition fallen. Jona ist sichtlich verwirrt. Einen derartigen Temperaturunterschied binnen Sekunden hat er bisher nur im Winter beim Betreten von Einkaufszentren erlebt. Aber in der freien Natur?
Dem letzten warmen Windstoß kann auch der Nebel nicht standhalten und offenbart, wo sich Jona befindet. Zu beiden Seiten der Brücke schimmern allmählich Silhouetten von kuppelartigen, unbewachsenen Gipfeln hervor, die zwischen ihnen ein Tal formen, durch das ein schmaler Weg gen Horizont führt. Diese Art von Gebirgsformationen kannte er nur aus den schottischen Highlands, die er in seiner späten Jugend mehrfach besucht hat. Jona ist sich mittlerweile bewusst, dass er sich in einem Traum befindet. Aber was möchte ihm sein Unterbewusstsein mit dieser charakteristischen Landschaft signalisieren? Hat diese Kulisse überhaupt einen Zweck oder möchte sein Gehirn einfach nur Lücken schließen? Diese Frage sollte zunächst unbeantwortet bleiben, denn mit dem Schwinden des Nebels kommt ein altbekannter Gast zurück auf die Bühne des skurrilen Traumspielhauses. Beißender Rauch, getragen von einem erneuten handtrocknerwarmen Windstoß, breitet sich schleichend auf der idyllischen Bachkulisse aus und gibt Jona wortlos den Warnhinweis „Besser du verschwindest hier sofort!“. Ihm kommen Zweifel. „Kann ich es wagen, ohne Ziel durch diese karge Landschaft zu laufen?“ stellt er sich zögernd diese eine Frage und setzt schlussendlich zu einem Marsch an, der sein Leben verändern wird.
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Von dürstend grau bis schwefelgelb
Und so setzt er zum ersten Schritt an. Beim Blick nach unten auf seine Füße fällt ihm auf, dass er seinen angegrauten zweiteiligen Schlafanzug trägt. Das aufsteigende Gefühl von Scham kann er gerade noch so abwenden, indem er seine Gedanken auf die Logik dieses Umstandes lenkt. „Ist ja auch irgendwie klar – mein Realitäts-Ich hatte als letztes den Schlafanzug an. Ich kann mich nicht daran erinnern, mich als Traum-Ich anschließend auf der Brücke umgezogen zu haben.“ Jona muss kurz über seinen eigenen Witz schmunzeln. Seine Freunde hatten ihn oft für seinen Dad-Joke-Humor mit einem Augenverdrehen belächelt. Jetzt, hier in dieser unwirklichen Umgebung ist er irgendwie dankbar dafür, dass es wenigstens eine Sache gibt, die sich nicht verändert hat. Und natürlich die Tatsache, dass er in seinem geliebten Pyjama durch die Highlands seines Traumhirns wandert.
Seine nackten Füße tragen Jona über einen armbreiten Pfad aus staubtrockener Erde, der zu beiden Seiten durch ausgelaugte Grasbüschel begrenzt wird. Jona war keineswegs ein Wandermuffel. Ganz im Gegenteil – er war süchtig nach diesem Mantra-artigen Zustand, in den er sich beim Wandern versetzen konnte. Das rhythmische Nacheinanderaufsetzen der Schuhe, die ausbleibende Ablenkung von Alltagsdingen und die vergleichsweise saubere Luft verhalfen ihm, jeden Waldweg zu einer mehrstündigen Meditation zu transformieren. Ein Zustand, den Jona auf diesem Pfad nie erreichen wird.
Angetrieben von Nervosität und Unbehagen schweifen seine Augen im Drei-Sekunden-Takt von den verstaubten Füßen zum graugelben Himmel und zurück. „Dieser Rauchgeruch macht mich wahnsinnig!“ flucht Jona stumm in sich hinein. Auch hätte er von sich behauptet, ganz gut „in Shape“ zu sein. Jetzt wird ihm bewusst, dass ihn der ziellose Marsch schneller außer Atem bringt als ihm lieb ist.
Er bleibt kurz stehen, um die Wolkenformationen links vom Pfad genauer zu inspizieren, die ihm schon vor ein paar Atemzügen aufgefallen sind. Zwischen den kümmerlich bewachsenen Hügeln sind am Ende des Horizonts tiefgraue Cumulonimbus-Formationen zu erkennen. Diese ambossförmigen Wolken sind Jona aus einer kurzen Nerd-Phase zum Thema Meteorologie besonders im Kopf geblieben. Er wird regelmäßig von diversen obsessiven Special-Interest-Phasen heimgesucht, was sein soziales Umfeld bestaunt und gleichermaßen belächelt. Im Hier und Jetzt spielt dieses Feedback keine Rolle. Sein Nischenwissen macht Jona allerdings auf ein kleines Detail aufmerksam: der sogenannte Turm, der für gewöhnlich einen knappen Kilometer über dem Erdboden aus dem Nichts entsteht, wird bei diesem einschüchternden Objekt von zusätzlichen Schwaden gefüttert, die dem Boden entspringen. Jona zuckt ruckartig zusammen und fällt vor schwindender Kraft in ein vertrocknetes Moosbett am Rand des Pfades. „Das kann nicht s…, das sind … keine Wolken. Feuer!“ fallen ihm die Worte stotternd über seine rissigen Lippen.
Weil er nur einen kleinen Ausschnitt des Infernos durch die Hügel erkennen kann, beschliesst er, sich mit letzter Kraft bis zur Hügelspitze am Ende des Pfades zu schieben. Einige Höhenmeter später fällt Jona vor Erschöpfung über einen faustgroßen Stein und kippt in die ausgedünnte Pfadkante zu seiner rechten Seite. Der höchste Punkt ist erreicht. Jona braucht zwei Versuche, um sich mit der linken Hand aufzustützen und auf den Rücken zu rollen. Über ihm spielt sich ein befremdliches Schauspiel ab. Schwefelgelbe Wolken wälzen in alle Himmelsrichtungen und vermischen sich mit grüngrauen Schwaden. „Verdammt, ich muss hier weg.“ Jona stößt beide Hände in die Graswüstenboden und stolpert den Pfad entlang Richtung Norden.
Keine 50 Laufschritte weiter kommt er an eine Gabelung, die durch einen mit Flechten bewachsenen und ungewöhnlich krummen Baumwegweiser markiert ist. Die Fragezeichenartige Verformung des Stammes lässt die zwei entgegengesetzt angebrachte spitze Latten nur erahnen, dass sie jeweils die zwei Wegmöglichkeiten beschreiben. Selbst die eingefrästen Buchstaben auf den Latten sind durch den Flechtenbewuchs nur zu vermuten. Jona bleibt nur der Blick in die Ferne entlang beider Wegoptionen, um eine Entscheidung zu treffen. Zur Auswahl stehen links ein Trampelpfad, der sich wieder den Hügel hinunter schlängelt und im Talnebel verschwindet, und rechts ein ebenso dünner Pfad, der auf einer gegenüberliegenden Bergspitze in einem kahlen Wald mündet. Die Sache ist klar – Jonas Sicherheitsbedürfnis übernimmt das Ruder und führt ihn ohne Zögern in den Wald.
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Im Schatten

Was von weitem wie ein schützendes Stück Vegetation in einer sonst lebensfeindlichen Landschaft aussah, entpuppt sich nun als völlig ausgelaugter Baumfriedhof. Jona steht vor Erschöpfung gekrümmt an der messerscharfen Waldkante und bemerkt, wie sein körperliches Empfinden immer präsenter wird, was eigentlich dagegenspricht, in einem Traum gefangen zu sein. Seine Blicke wandern von einem abgestorbenen Baum zum nächsten. Nicht eine Art kann er aus den noch aufrechtstehenden Exemplaren bestimmen.
Der armbreite Pfad, der ihn zu diesem strüppigen Mahnmal geführt hat, verschmälert sich mit Eintreten in den Wald schlagartig um eine ausgestreckte Handlänge. Ein nahezu metaphysischer Sog geht von ihm aus und zieht Jona mit jedem aufeinanderfolgenden Schritt mehr durch ein Meer an einst vermutlich prächtigen Hütern des Waldes. Die Tatsache, dass nicht einmal auf dem Boden Blätter liegen, wie Jona es aus seinen liebgewonnen Herbstspaziergängen kannte, deutet auf den lang verstorbenen Zustand des Waldes hin.
Die ausgetrockneten Gräser zu beiden Rändern des Pfades sind so scharfkantig, dass weitere Verletzungen an seinen sowieso schon aufgerissenen Fußsohlen kaum ausbleiben.
Ein melancholischer Schleier zieht sich knietief über den blassbeigen Waldboden. Jona fällt auf, wie ein essentielles Detail zu fehlen scheint, das unten auf der Insel noch so intensiv zu erleben war. Der Geruch von frischem Moos und nasser Erde hat diesem Wald vermutlich schon vor ettlichen Jahren den Rücken zugewandt. Denn auch hier hat sich der beißende Gestank von Rauch den Platz erkämpft. Dieser ist mittlerweile auch dafür zuständig, dass Jona selbst beim Einatmen Schmerzen in seinen Atemorganen verspürt.
Auf den rissigen Baumstämmen springen plötzlich funkelnde Lichtfetzen hin und her. Jona denkt zuerst an Glühwürmchen, verwirft die Idee aber aufgrund der größeren Form sofort wieder. „Was kann das sein? Taschenlampen? Ein Lagerfeuer?“ fragt er sich wortlos. „Letzteres würde zumindest zum Rauchgeruch passen.“ Als jene Lichtfetzen allerdings schlagartig seine Augen blenden, wird Jona klar, dass es sich um Spiegelungen auf einer Wasseroberfläche handeln muss. Das Gefühl von Hoffnung breitet sich lawinenartig in seinem ganzen Körper aus. Jonas Schritte werden schneller und er verspürt einen hauchzarten Druck in seinem Rücken, der ihn sanft den Pfad entlang schiebt. Es scheint, als möchte ihm der Wald bei der Suche der Quelle ein wenig unter die Arme greifen. Oder doch eher aus dem Wald verdrängen?
Jonas ferngesteuerter Marsch endet mit einem knöcheltiefen Tritt in eine Wasserlache, die für einige Meter den Weg unterbricht. Links neben der funkelnden Senke ragt womöglich das mächtigste Exemplar aller vertrockneten Bäume aus diesem Wald in die Höhe. Unzählige Wurzelstränge winden sich wie verzweigte Lüftungsschächte von der Wasserstelle bis zum Litfaßsäulendicken Stamm hinauf.
Was Jona zu dieser Stelle geführt hat, sorgt jetzt für ein wohlig umarmendes Gefühl auf seiner Haut. Am Ende des Pfades kämpft sich vom Horizont die Sonne durch die schwere Wolkendecke und wirft ihre Strahlen mit verbleibender Kraft auf die Wasseroberfläche. Ein liebevoller Hauch an wärmendem Licht streift Jonas Gesicht. Gleichermaßen wird ihm klar, dass der Wald hier endet und nach ihm weitere Ungewissheit und die Frage auf ihn wartet, in welche Realität er hier gerutscht ist.
„Okay, ich kann nicht mehr. Ich brauch jetzt echt eine Pause. Also wo, wenn nicht hier“, sagt Jona mittlerweile leicht verwirrt und schnaufend in hörbaren Worten zu sich selbst. So sucht er sich ein ebenes Stück Boden im Schutz des großen Wurzelgeflechts und lässt sich langsam nieder. Die Temperatur im Wald ist ausreichend, um nicht im Sitzen zittern zu müssen. Er schließt die Augen, atmet tief aus und gleitet in den Schlaf.
Am Horizont verdichtet sich die Wolkendecke und verschluckt die verbleibenden Sonnenstrahlen, die gerad eben noch den Wald hoffnungsvoll durchleuchtet haben. Zeitgleich ertönt ein tiefes Grummeln aus der Ferne und reist Jona aus dem Dämmerschlaf. Er schreckt hektisch auf mit Blick Richtung Waldkante. Von hier aus kann er sehen wie der Pfad in nur wenigen Metern aus dem Wald herausführt. Angetrieben von Neugier richtet er sich auf und läuft zögerlich Richtung Finsternis.